Pfarrgarten mit rotem Sessel. Foto: Privat

Sanna im Pfarrgarten

In der Reihe „Der besondere Ort“ las Verena Zeltner im Neustädter Pfarrgarten aus ihrem Buch „299 Tage“

Pfarrgarten mit rotem Sessel. Foto: Privat

„Der besondere Ort“ ist eine Veranstaltungsreihe des Schriftstellverbandes Thüringen, der an eben solchen besonderen Orten Bücher und ihre Leser zusammenführen soll. Am vergangenen Wochenende gab sich dabei Verena Zeltner die Ehre. Die in Neustadt an der Orla arbeitende und lebende Autorin stellte im Garten des Neustädter Pfarrhauses ihren Roman „299 Tage“ vor. Eingeladen hatte die Buchhandlung „Karl Theodor Liebe“, die von einem Verein betrieben wird. „Hier war reichlich Platz, so dass die Gäste mit entsprechendem Abstand Platz nehmen konnten“, lobte Verena Zeltner. Und: „Alles war bestens organisiert, mir hatten sie an diesem Sommerabend sogar einen roten Lehnsessel im Schatten des Apfelbaumes aufgestellt.“
Insgesamt rund 20 Gäste waren der Einladung gefolgt und lauschten gebannt dem Schicksal der 15-jährigen Sanne, die ein ganzes Jahr nicht sprechen konnte. Und nicht nur die Besucher waren mucksmäuschenstill. Auf der Mauer hinter der Autorin verfolgte eine rote Hauskatze aufmerksam das ungewohnte Geschehen im Garten. Weil der Roman autobiografisch grundiert ist, gab es naturgemäß im Anschluss eine ganze Menge Fragen zum Buch und zur Autorin – ein angeregtes Gespäch kam in Gang. Verena Zeltner: „Wirklich, ein wunderschöner und sehr gelungener Abend – das zeigen auch die Kommentare auf meiner Facebook-Seite.“ (kj)

Die Hochseefischer bei Scherzers Lesung am Samstag in Dietzhausen. Foto: Ellen Scherzer

Gipfeltreffen der Hochseefischer

Landolf Scherzer empfing zu einer besonderen Lesung besondere Gäste

Die Hochseefischer bei Scherzers Lesung am Samstag in Dietzhausen. Foto: Ellen Scherzer

Was für ein Fest das wohl geworden wäre! Im Mai 2020 wollten tausende Seeleute den 70. Geburtstag des Hochseehafens in Rostock-Warnemünde feiern. Corona machte auch diesem Fest einen Strich durch die Rechnung. Unter den Feiernden wären auch hunderte Thüringer gewesen – alles ehemalige Hochseefischer. Ein gutes Dutzend von ihnen sind nun in der Nähe von Suhl auf den Berg gestiegen, um zu feiern.

Was das mit dem Schriftstellerverband zu tun hat? Nun, mehr als nur den Gastgeber: Landolf Scherzer ist spätestens seit seinem Buch „Fänger und Gefangene“ (1983) aufs Engste nicht nur mit der Hochseefischerei, sondern auch mit vielen Hochseefischern verbunden. War er doch mehr als 2000 Stunden sozusagen Mitglied der Mannschaft eines DDR-Fischtrawlers vor Labrador. So wundert es nicht, dass der Südthüringer Schriftsteller von Anfang an Mitglied des 2010 gegründeten „Thueringer Hochseefischer Stammtisch“ ist.
Und weil Scherzer zum Hafenfest in Rostock vor den Fischern lesen wollte, nutzte er jetzt die Gelegenheit, in der Reihe „Der besondere Ort“ des Schriftstellerverbandes die Thüringer Hochseefischer zu sich nach Dietzhausen einzuladen. Ein gutes Dutzend fand den Weg auf den Berg und lauschten im Freien und mit gebührendem Abstand voneinander noch einmal den Episoden aus „Fänger und Gefangene“. Doch Scherzer las nicht nur – er kredenzte seinen Gästen auch eine selbst gekochte Fischsuppe, die nicht nur von Hans-Georg Weil, dem inzwischen nordwestlich von München (sic) lebende Chef der Thüringer (sic) Hochseefischer, Hans-Georg Weil als „köstlich“ gelobt wurde. (kj)

Stefan Wogawa. Foto: Privat

Kauen am Croissant

Stefan Wogawa, neues Mitglied im Verband, gibt einen Einblick in seine Gedankenwelt

Stefan Wogawa beim Schreiben im Garten. Foto: Privat

Stefan Wogawa heißt das „jüngste“ Mitglied im Landesverband Thüringen des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS). Auf die Nachfrage des Vorstandes, wie er es denn mit dem Schreiben und dem Lesen hält, gab er eine ungewöhnliche Auskunft. Er nimmt uns mit in ein Café und lässt seiner Kreativität freien Lauf. Aber lesen Sie selbst:

Was heißt für mich Schreiben, was heißt für mich Lesen?
Um mit dem Letzteren zu beginnen: Beim Lesen tauche ich in neue, phantastische Welten ein. Und beim Schreiben versuche ich, diese phantastischen Welten zu erschaffen.
Das kann (muss aber nicht) so geschehen, wie ich es beispielsweise hier erlebt habe:
„Schreiben in Cafés“ lautet der Titel eines der Ratgeberbücher für angehende Schriftsteller, die ich vor einigen Jahren gekauft habe. Bei denjenigen, die den Rat befolgen, die sich vom heimischen Schreibtisch fortbewegen, werde die Kreativität nur so sprudeln, verspricht die Autorin. Und das soll übrigens in Paris und Venedig genauso funktionieren wie in Wanne-Eickel, im berühmten Big Sur an der kalifornischen Küste ebenso wie in der tiefsten Provinz in Thüringen. So weit jedenfalls die Theorie.
Also setze ich mich, mit einem Spiralblock und einem Tintenschreiber bewaffnet (auch das sind Tipps aus einem der Ratgeberbücher, die ich die ich vor einigen Jahren gekauft habe), in ein Café, nippe an einer Tasse mit undefinierbarem Maschinengebräu, kaue an einem Croissant und mache mir Notizen.
Damit löse ich eindeutig einen Kreativitätsschub aus. Zunächst aber nur bei den Leuten, die lediglich Brot oder Brötchen holen wollen und sich so ihre Gedanken machen. Über mich. Sie sehen mich an, als sei ich im für mich günstigsten Falle gerade vom Mars gepurzelt. Kreativ werden auch die wenigen anderen Gäste, die im Café sitzen. Sie tuscheln und schauen zu mir herüber.
Immerhin habe auch ich hier einen guten Blick auf die Straße – und genaues Beobachten ist ja eine der wichtigsten Voraussetzungen für gutes Schreiben (so steht es in einem weiteren Ratgeberbuch, das ich vor einigen Jahren gekauft habe). Doch mit meinen vom Croissant fettigen Fingern hinterlasse ich zunächst ein paar hässliche Flecke auf den Seiten des Spiralblocks.
Dennoch lege ich los, beobachte und versuche, kreativ zu werden. Ein weißer Golf fährt von links nach rechts, ein grauer Ford von rechts nach links. Eine junge Frau kauft sechs Brötchen für einen Euro und fünfzig Cent, ein Laster mit Anhänger donnert vorbei und eine ältere Frau bestellt einen Hagebuttentee. Einem himmelblauen Trabant entsteigt ein Mann mit dünnem Haar, der ein halbes Baguette mitnimmt, und mein Kaffee ist alle.
Ist das schon eine Geschichte? Wahrscheinlich nicht. Aber man soll die Szenen ja auch weiterdenken.
Doch bevor ich dazu komme, werde ich schläfrig. Ein schwarzes Auto fährt vorbei, dann ein weinrotes. Ich schaue auf die Uhr und bin kurzzeitig hellhörig, als ein Mann ein Singlebrot und zwei Doppelbrötchen verlangt. Vielleicht irgendein Code? Dann kommen immer mehr Leute und ich verliere endgültig den Überblick.
Eine alte Dame holt für ihren Enkel eine Apfeltasche und für sich selbst einen Spritzkuchen. Er fällt ihr herunter, während sie zu einem der Tische geht. Sie hebt ihn wieder auf.
„Es ist ja gewischt hier“, sagt sie und schaut mir in die Augen.
Ich bin mir nicht sicher, nicke aber trotzdem. Dann stehe ich auf und gehe nach Hause. Leise Zweifel bleiben, ob das ein Bestseller wird.

Wer mehr über Stefan Wogawa erfahren möchte, kommt hier auf sein Autorenportät.

Heike F. M. Neumann. Foto: privat

Ein Gedicht muss für mich selbst stimmen

Zwölf Fragen an Heike F. M. Neumann

Die Lyrikerin Heike F. M. Neumann. Foto: privat

In diesem Jahr erscheint mit „Friedenswaisen“ ein neuer Lyrikband von Heike F. M. Neumann. Ergänzend dazu beantwortet die in Südthüringen lebende Dichterin zwölf Fragen.

Ihr neuer Gedichtband heißt „Friedenswaisen“…waisen mit ai statt mit ei, warum?
Mein Begriff „Friedenswaisen“ ist eine Essenz in einer Gedichtzeile und steht für die Nachkriegsgeneration. Unsere Eltern hatten immer viel zu viel zu tun, und wir Kinder waren uns mehr oder weniger selbst überlassen… Bei mir kommt der eigentliche Wortsinn hinzu- mein Vater und meine Mutter sind viel zu früh verstorben.

Ihre Gedichte sind sehr individuell, trotzdem haben sie einen allgemeinen Kern, den sie mit Ihren Worten aufzubrechen versuchen, dadurch stellt sich auch in einfachen Gedichten Tiefe her…
Ich gehe wie ein Künstler zuwege, in einem Holzklotz ahne ich z.B. anhand der Maserung etwas Verborgenes, Wesentliches, etwas, was sich ergeben könnte, was ich finden möchte, der Rest ist zeitlicher Abstand (auch Geduld) und Arbeit am Wort.

Sind Ihre Gedichte also Erinnerungen, gebunden an bestimmte Erlebnisse?
Ja, meine Gedichte sind oft Erlebnisgedichte, oft kleine Geschichten im Gedicht, irgendetwas, was mich inspiriert und nicht losgelassen hat, etwas, was ich weiterdenken musste, etwas, was sich mir offenbart hat, vielleicht ein Geheimnis, was ich gerne mit anderen teilen möchte.

Glauben Sie, dass Lyrik das richtige Genre ist, um gelesen zu werden?
Das ist sicher in erster Linie eine Frage der Qualität. Schreib ich so, dass ich auch verstanden werden kann? Fügen meine Gedichte dem bisher Gedachten und Gefühltem Neues hinzu? In zweiter Linie gilt es, Gedichte auch an die Leser zu bringen, nicht nur mit eigenen Lesungen, auch Buchhandlungen und Bibliotheken sind gefordert für Verkauf und Vermittlung. Auch Lehrer, die nicht die Frage an den Anfang bzw. in den Mittelpunkt stellen: Was will uns der Dichter damit sagen…, sondern ein Gedicht ganz individuell wirken lassen.

Und wie halten Sie es mit der Wahrheit?
Literatur ist immer Wirkliches und Erdachtes. Ich hoffe, dass meine Gedichte authentisch und wahr sind.

Denken Sie beim Schreiben an einen bestimmten Leser?
Nein. Zuerst muss ein Gedicht für mich selbst stimmen.

Wie wichtig ist Ihnen die Form?
Die Form meines Gedichtes ergibt sich meist mit dem Inhalt, also gleichlaufend.

Haben Sie bestimmte Vorbilder?
Bestimmte Vorbilder nicht, aber die Metaphern von Nelly Sachs faszinieren mich, die Gedichte von Sarah Kirsch und gewisse Offenlegung ihres Lebens in den Gedichten beschäftigen mich noch immer, auch, dass jedes Gedicht von Wislawa Szymborska eine ganz eigene Poetik hat, finde ich außerordentlich… Auch bestimmte Zeilen in Volksliedern sind einzigartig: z.B. „oben leuchten die Sterne und unten leuchten wir“…

Was halten Sie von Literaturtheorie, das Wissen um Anderer Gedichte?
Ja, man sollte sich im Großen und Ganzen schon im Klaren sein, was bereits an Literatur vorhanden ist, allerdings wird es in der Gegenwart immer unübersichtlicher. Ob man ein Literaturstudium haben sollte, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich komme aus einfachen Verhältnissen, mir hat das Studium Viel gegeben. Auch in Philosophie und Literaturkritik.

 Warum schreiben Sie in ihren Gedichten alles klein, verkomplizieren Sie damit nicht die Gedichte?
Das sehe ich nicht so, ganz im Gegenteil, es macht z.B., dass nicht einfach drüber gelesen wird, schafft neue Räume zum Selbsterfassen, außerdem erwirken die Zeilen eine gewisse Ordnung und Wichtung. Jede Gedichtzeile ist meist ein Gedanke. Warum sollte ich an ihrem Ende zusätzlich ein Komma setzen, zumal sie zur nächsten Zeile überleitet?

Und warum in Ihren Gedichtbänden Illustrationen?
Ich liebe gute, schöne und nachhaltige Bücher- das alles sollte ein Buch vereinen.

Sie schreiben auch Kinderbücher und Prosa- was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Ich bin kein Schnell- oder Vielschreiber. Und oftmals schreibe ich nebeneinander Gedichte und Prosa. Das ergibt sich einfach und lässt sich nicht unbedingt mit Ratio erklären. Wenn ich aber einem Skript den letzten Schliff geben muss, dann bleibe ich unbedingt dran.

Ulf Annel: Die unglaubliche Geschichte Thüringens. Rhino-Verlag 2020

Die tägliche Dosis Humor

Der Erfurter Kabarettist Ulf Annel blickt auf „Die unglaubliche Geschichte Thüringens“

Ulf Annel: Die unglaubliche Geschichte Thüringens. Rhino-Verlag 2020

Zur neuen Auflage von Ulf Annels Buch „Die unglaubliche Geschichte Thüringens“ hat Klaus Jäger eine Rezension geschrieben. Sie erschien in den Thüringer Tageszeitungen und auf dem Portal des Thüringer Literaturrates.
Hier der ungekürzte Wortlaut der Rezension:

Mit Blick auf den 100. Geburtstag des Freistaates Thüringen erschien jetzt im Rhino-Verlag „Die unglaubliche Geschichte Thüringens“. Wenn dem Leser das Buch bekannt vorkommt, dann aus gutem Grund: Es erscheint mit zweitem Titel im dritten Verlag und in fünfter Auflage – in neuem Gewand und überarbeitet.
Dabei greift Ulf Annel wesentlich weiter als 100 Jahre zurück, ja bis in die Zeit der Menschwerdung der Thüringer. Der bekannte Erfurter Kabarettist lässt keinen Augenblick Zweifel an seinem Beruf, ja seiner Berufung. Der Leser merkt spätestens bei den vorangestellten Zitaten, von denen eins einem „Baron Kuh-Bertäng“ zugeschrieben wird: Hier schreibt einer mit spitzer Feder und mit permanentem Augenzwinkern. Dass Ulf Annel ein Freund und Meister der Wortspiele ist, wird auf jeder Seite deutlich. Dennoch echot die reine historische Wahrheit durch das Buch und wird der Leser eher unauffällig schlauer, etwa bei der Schilderung der Verbindung zwischen Erfurt und Mainz. Kommt das Kapitel im Badezuber, in dem Annel auf die Bedeutung des Färberwaides für Erfurt verweist, zumindest dem Rezensenten ein wenig bemüht vor, wird man kurz darauf wieder entschädigt: Wie das Bauerntheater in der Kneipe die Geschichte von Martin Luther ausspinnt, ist schon ein erzählerischer Geniestreich. Überhaupt spielen auffallend viele Szenen in Kneipen. Das passt. Für Thüringen.
Geschickt umschifft Annel auch die Untiefen, die in der satirischen Behandlung der NS-Zeit lauern. Er lässt die Oma auf dem Schifferklavier Heimatlieder abspielen. Und manchmal sind es die kleinen Sätze, die als komödiantische Perlen hervorschimmern: „Der ABV versucht einen Grenzdurchbruch.“
„Die unglaubliche Geschichte Thüringens“ sollte man in Häppchen und nicht in einem Rutsch lesen – sozusagen als tägliche Dosis Humor. Das hält dann einen ganzen Monat an.
Ulf Annel: Die unglaubliche Geschichte Thüringens. Rhino-Verlag Ilmenau 2020. 274 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-95560-892-7.

200501_Mueller-Ferchland_Rene2

Die Figuren kommen zu mir

René Müller-Ferchland wurde als neues Mitglied in den Schriftstellerverband aufgenommen

200501_Mueller-Ferchland_Rene2
René Müller-Ferchland liest aus seinem aktuellen Roman. Foto: Privat

Der 1984 in Magdeburg geborene Literaturwissenschaftler und Schriftsteller René Müller-Ferchland wurde dieser Tage als „jüngstes“ Mitglied in den Landesverband Thüringen des Schriftstellerverbandes aufgenommen. Thüringen ist Müller-Ferchland nicht fremd: Er studierte an der Universität Erfurt die neuere deutsche Literaturwissenschaft und die Philosophie. Seit 2015 ist er freier Schriftsteller. Müller-Ferchland ist mit dem Philosophen Robert Müller verheiratet und lebt in Erfurt.

Was den jungen Autor in den Verband „getrieben“ hat, ist die Vernetzung von Schriftstellern, die Möglichkeit des Austausches untereinander und das Engagement für diverse kulturelle Projekte. Für sehr wichtig erachtet er die Einbeziehung junger Schreiber. Hier, so Müller-Ferchland, haben die Literarische Gesellschaft, der Literaturrat und die Lesebühne Erfurter Autoren (LEA) schon einiges erreicht. René Müller-Ferchland weiß, wovon er spricht – seit einem Praktikum beim Thüringer Literaturrat vor nunmehr bereits zehn Jahren.

Dass Lesen und Schreiben für ihn zusammengehören, daran lässt er nicht den geringsten Zweifel. „Während meines Studiums habe ich noch einmal lesen gelernt: Kafka, Beckett, Döblin, Ende, Kleist, Goethe und George – nagut, letzteren habe ich versucht, lesen zu lernen“, sagt Müller-Ferchland. Und: „Dieses Lesenlernen von unterschiedlichsten Literaturen hat mich anders und vielleicht auch besser schreiben und mich statt einer Dissertation letztlich einen Gesellschaftsroman zu Papier bringen lassen.“ Der heißt „Alle Wasser Stein“ und ist im vergangenen Jahr in der Hamburger Edition Contrabass erschienen.
Beim Schreiben ist es immer wieder der Mensch, der ihn interessiert. Müller-Ferchland: „Das Zentrum meines Schreibens bildet dabei allein der Mensch – seine Prägung, sein Wille, seine Brüchigkeit, sein Wahn, seine Abgründe, seine Stärke, sein Fallen, sein Aufstehen oder Liegenbleiben. Die Figuren kommen zu mir und wenn sie da sind, laufe ich mit ihnen über Staatsgrenzen, über Bühnen, durch den Dschungel, ich laufe mit ihnen durch ihre Geschichten und ihre Katastrophen.“

Dem Landesvorstand des Schriftstellerverbandes bleibt da nur eins zu sagen: Willkommen in unserer Runde! (kj)

Homepage von René Müller-Ferchland: www.mueller-ferchland.de

 

Cover_Tratsch_Moertel_1024

Wasndas? [hochdt.: Was ist denn das?]

Ulf Annel über Sieglinde Mörtels jüngstes Buch „TRATSCH vun frieher und itze“

Sieglinde Mörtel: TRATSCH vun frieher un itze. Welkenverlag Jena 2020

„TRATSCH vun frieher und itze“ heißt das jüngste Buch von Sieglinde Mörtel, erschienen im Jenaer Welkenverlag Jena. Im Klappentext wird das Mundart-Buch vorgestellt:
Wenn wir am heimischen Küchentisch ins Plaudern geraten, reden wir, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Oft beginnt es mit „weeßte noch“ und endet mit „heitzedooche is olles onnorsch“. Da reichen ein paar altvertraute Wörter wie Eenkoofsnetz, Cämpingbeitl, Kuumuutschn oder Fertschwäre und schon sind wir mittendrin im Schwadronieren. Dabei schaut uns der Nachwuchs schon mal zweifelnd an und will wissen, wie das überhaupt ging ohne Telefon und Internet, wozu es Lichtfrauen und Schrankenwärter gab oder ob es tatsächlich Russen regnete.
Und wenn wir in unserer regionalen Mundart erzählen, dann lauschen sie nicht nur dem, was wir sagen, sondern auch, wie wir es sagen.
Dieses Buch erzählt von den kleinen alltäglichen Dingen. Es bewahrt damit ein Stück Regional- und Zeitgeschichte und zugleich die vom Aussterben bedrohte regionale Mundart.

Für die Homepage des Schriftstellerverbandes hat Ulf Annel Sieglinde Mörtels Buch gelesen und schreibt:

Da liegt aufgeschlagen ein Buch. Ein Mann schaut auf die linke Seite und fragt: „Wasndas?“ Was ist denn das? Die Antwort ist einfach. Es ist Dialekt, so geschrieben wie gesprochen. Das Buch hat den Titel „TRATSCH von frieher un itze“. Das großbuchstabige Wort ist sofort verständlich, der Rest entschlüsselbar. Es wird der Leserschaft auch sonst leichtgemacht, denn dies ist ein zweisprachiges Buch: links die Mundart, die zwischen Saale, Orla, Ilm und Roda gesprochen wurde, aber immer weniger gesprochen wird, rechts hochdeutsch.
Die Autorin Sieglinde Mörtel ist dort aufgewachsen, mittendrin im Dialektmischmasch – denn ihr Heimatdorf liegt auf der Grenze dreier Thüringer Sprachgebiete. In Mörtels Kinderwörter und -sätze fügte sich zudem väterliches Erfurtsch. Leises Lesen des Buches empfiehlt sich rechts, links hilft lautes Vorlesen (oder man besucht demnächst, wenn es wieder möglich ist, eine der sehr unterhaltsamen Lesungen der Autorin).
Die Geschichten, die Sieglinde Mörtel erzählt, sind in bester Manier unterhaltsame Heimatgeschichten. Selbst in Hochdeutsch lugt sprachlich das Hiesige immer wieder durch, wenn von Kabuff, Lumischen und Purzelkorb die Rede ist. Manche Wörter, vor allem die Ausgestorbenes bezeichnen (wie z.B. Konsum und Jugendtanz, ABV und Kuba-Orange), werden im Anhang erklärt. Wer das allerdings gleich weiß und auch was es bedeutet, „einen Flitz im Kopf zu haben“, der ist klar im Vorteil.
Ohne trotzig mit dem Fuß aufzutreten, wird über das normale Leben in einem Land erzählt, in dem glücklich zu leben kein Unrecht war. Und es wird verglichen: damals und heute. Nicht immer fällt der Vergleich zugunsten des „itze“ aus. Obwohl durchaus Fortschritt zu bemerken ist, sogar im dörflichen Bereich, wo früher Misthaufen gesprengt wurden. Wer es genauer wissen möchte, lese Sieglinde Mörtels Buch.

Sieglinde Mörtel: TRATSCH vun frieher un itze. Welkenverlag Jena 2019. 128 Seiten, Hardcover, 16 €, ISBN: 978-3939917304

Ulf Annel

Thüringer Jubiläum im Blick

Ulf Annel und der Rhino-Verlag haben auf den 100. Geburtstag des Freistaates reagiert

Ulf Annel
Neues vom Rhino-Verlag präsentieren hier (von links): Ulf Annel (nur echt mit der Bratwurst), Verleger Dr. Lutz Gebhardt und der Historiker Dr. Steffen Raßloff. Foto: Nicole Güntek

Der Freistaat Thüringen kann in diesem Jahr bereits seinen 100. Geburtstag feiern. Das Jubiläum ist nicht nur Anlass für einen offiziellen Festakt im Herbst, sondern auch für diverse Retrospektiven. Ulf Annel hat zu diesem Zweck seine erstmals 1996 unter dem Titel „Die unernste Geschichte Thüringens“ (damals beim Weymann-Bauer-Verlag) erschienene Rückschau neu aufpoliert. Es erschien jetzt im Rhino-Verlag als 5. aktualisierte Auflage als „Die unglaubliche Geschichte Thüringens“.
„In frischem Gewand mit einem überraschend neuen Ende und einem beinahe prophetischen Blick in die Thüringer Gegenwart“, schwärmt Nicole Güntek von der Verlagsgruppe „Grünes Herz“, zu der der Rhino-Verlag gehört. Die Illustrationen für das neue Werk stammen von Ion Cozacu, der als Karikaturist unter dem Namen „Nel“ einem größeren Publikum bekannt wurde.

Der Erfurter Schriftsteller Ulf Annel genießt als Kabarettist in „Der Arche“ Erfurt eine große Popularität.

Rhino-Verleger Dr. Lutz Gebhardt hat zum Thüringen-Jubiläum noch ein zweites aktualisiertes Buch in petto. Es stammt aus der Feder des Historikers Dr. Steffen Raßloff, heißt „Kleine Geschichte Thüringens“ und ist in der Reihe der Rhino-Westentaschenbibliothek erschienen. Sowohl Raßloff als auch Annel zählen zu den Stammautoren des 1991 gegründeten Verlages. (kj)

Ulf Annel: Die unglaubliche Geschichte Thüringens. Mit Illustrationen von Ion Cozacu. Rhino Verlag 2020. 280 Seiten Hardcover. 14,95 Euro.
ISBN 978-3-95560-892-7

 

Cover_Jaeger_Carlotta

Eine doppelte Liebeserklärung

Klaus Jäger legt mit „Carlotta oder Die Lösung aller Probleme“ seinen sechsten Roman vor

Cover_Jaeger_Carlotta
Klaus Jäger: Carlotta oder Die Lösung aller Probleme. Verlag Tasten & Typen 2020

Als doppelte Liebeserklärung hat Dr. Torsten Unger vom MDR den Roman „Carlotta oder Die Lösung aller Probleme“ bezeichnet. Das Buch ist Mitte März im Bad Tabarzer Verlag Tasten & Typen erschienen – mit allen Einschränkungen, die die Corona-Krise mit sich brachte. So ist die geplante Buchvorstellung auf der Leipziger Buchmesse ebenso ausgefallen wie die Premierenlesung im Rahmen der Erfurter Frühlingslese in der Hugendubel-Filiale der Landeshauptstadt.

Worum geht es in dem Buch? Der Klappentext verrät:
Rom im Frühsommer. Laurenz Stadler muss den Posten als Auslandskorrespondent seiner Zeitung räumen. Er darf zurück nach München in die Redaktion, es winkt ein gut dotierter Job, aber will er das? Seine Liebe Italien verlassen? Ankommen in der alten Heimat? Anknüpfen an das bayrische Dorf, welches Laurenz als das Kind ohne Vater kannte?
Laurenz Stadler landet für Monate auf der Insel Procida im Golf von Neapel und findet Carlotta. Wird diese unerwartete Liebe, werden diese junge Frau und ihre Insel Antworten auf alle Fragen geben?

Ungeachtet der Corona-Krise und ihrer Auswirkungen auf die Bücherwelt hat „Carlotta oder Die Lösung aller Probleme“ alles andere als einen Fehlstart hingelegt. Für das Erfurter Radio F.R.E.I. hat Richard Schaefer mit dem Autor Klaus Jäger in der „Bücherbar“ geplaudert, der Thüringer Kulturspiegel hat das Buch vorgestellt und die Thüringer Tageszeitungen haben ein großes Gespräch mit Verleger Siegfried Nucke geführt. Zeitgleich wagten die Zeitungen ein Experiment: Seit 23. März kann „Carlotta“ scheibchenweise und gekürzt jeden Tag gelesen werden, als Fortsetzungsroman.
Auch das Echo der Kritik nimmt sich bislang durchweg positiv aus:
Für das MDR-Fernsehen hat Romy Gehrke den Roman in ihrer Bücherkiste vorgestellt.
Hier der Link zur Sendung ->  Neuer Lesestoff: „Carlotta oder Die Lösung aller Probleme“

Und schließlich Dr. Torsten Unger. Der Literaturexperte des MDR hat das Buch gründlich gelesen, bevor er es im MDR-Kulturmagazin „Marlene“ besprach.
Sein Fazit: Der Roman von Klaus Jäger ist eine Liebeserklärung an Italien und an gedruckte Zeitungen. Er bedient einerseits raffiniert die Italien-Sehnsucht vieler Deutscher, aber er bricht sie durch eine starke Geschichte, die den Postkartenglanz der Klischees zerfetzt, ohne Italien zu beschädigen. Der Roman ist deshalb keine mürrische Selbstbetrachtung. Er wird von einer Story getragen, die allen Goethe-Glanz hinter sich lässt und deutsche Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg aufscheinen lässt. Mit intimer Kenntnis italienischer Fischer-Schicksale hat Klaus Jäger aus seinem Stoff einen äußerst lesenswerten Roman gemacht.

Der Autor Klaus Jäger ist seit 2008 als Schriftsteller tätig. Bevor er sich selbstständig machte, war er 29 Jahre lang als Redakteur einer Tageszeitung tätig. Im Jahr 2011 arbeitete er mit einem Stipendium des Goethe-Institutes für eine kurze Zeit bei einer italienischen Tageszeitung. Der hier vorliegende ist sein sechster Roman, die letzten drei waren Kriminalromane im Emons Verlag Köln.

Klaus Jäger: Carlotta oder Die Lösung aller Probleme. Verlag Tasten & Typen Bad Tabarz 2020, ISBN 978-3-945605-45-5, Klappenbroschur, fadengeheftet, 480 Seiten, 16,80 Euro